Good bye KV


KV-System: Wir haben fertig


Mindestens 2000 Hausärzte fehlen, in Niedersachsen alleine 600 – eine Quote von 10 Prozent. Und das dicke Ende der Alterspyramide bei Ärzten kommt erst noch. De facto können Kassenärztliche Vereinigungen schon heute ihren Sicherstellungsauftrag nicht mehr ausführen, aber auch formal wird das Kriterium für Unterversorgung, ein Versorgungsgrad von unter 75%, in einzelnen Bezirken bald erreicht sein.

Ein Flächenbrand ist absehbar, der Ärztemangel ist schon auf Ministerebene angekommen (Quelle) . Die Ursachen für Ärztemangel sind bekannt, an erster Stelle die unzureichende Honorierung (s. Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung, KBV und BÄK, Seite 126).
In der aktuellen Studie der BÄK und der KBV heißt es: „An diesen Punkten muss folglich angesetzt werden, will man die Flucht von Ärzten aus der kurativen Tätigkeit bremsen.“ Deutlicher kann man es nicht formulieren.

Die Intention des Gesetzgebers, flächendeckend eine äußerst günstige und sehr gute medizinische Versorgung sicher zu stellen, wird durch die Realität zunehmend konterkariert. Hier haben die KVen versagt. Denn alle bisher vom KV-System ergriffenen Maßnahmen zur Behebung des Ärztemangels sind kläglich gescheitert. Ärztemangel breitet sich wie eine Seuche aus.

Die Auslöser für Ärztemangel sind ökonomischer Natur. Würden angemessene Preise gezahlt, gäbe es keinen Ärztemangel. Der Markt würde für eine ausreichende Zahl an Ärzten sorgen. In unserem Gesundheitssystem glaubt die KV immer noch, man könne Ärzte wie Marionetten nach Plan bewirtschaften.
Der Letzte, der ähnliches versucht hat und bis zum Schluss von seinem Vorhaben überzeugt war, war 1989 das Politbüro der SED.

Wie man das viel besser in einem wettbewerblichen Verfahren lösen kann, kann man derzeit am Beispiel der bayerischen Hausärzte lehrbuchmäßig verfolgen. In Bayern wird es in den nächsten Jahren zu einem ausgeprägten Hausärztemangel kommen. In Kenntnis dieser Entwicklung hat der Bayerische Hausärzteverband die hausarztzentrierte Versorgung bei der Politik durchsetzen können. Das Ergebnis sind höhere Preise für ärztliche Leistungen, wodurch eine Niederlassung für Ärzte wieder attraktiver wird und der Ärztemangel (in Bayern) tendenziell weniger ausgeprägt sein wird als in anderen Regionen.

Aus Sicht der KV ist damit der schlimmste aller Fälle eingetreten: Der Gesetzgeber hat das Vertretungsmonopol der KV für niedergelassene Ärzte aufgehoben, siehe SGB V §§ 73b und 73c.

Und sofort hat der Hausärzteverband höhere Honorare durchsetzen können. Während das KV-System über Jahre hinweg nur fallende Honorare zu bieten hatte, hat der Hausärzteverband (in Bayern und Baden-Württemberg) sowie MEDI in Baden-Württemberg die über den Ärztemangel induzierte Marktmacht der Ärzte erkannt und im Interesse der Ärzte genutzt. Hüben das Stigma des KV-Systems „hier sitzen die Vertreter der Planwirtschaft und sind auf ganzer Linie gescheitert“ und drüben die Variante „am Markt erfolgreiche Interessenvertretungen der Ärzteschaft“. Allen Anstrengungen und Widerständen des KV-Systems zum Trotz, das Vertretungsmonopol der KV ist bereits Geschichte.

Der kommende Untergang des KV-Systems ist selbstverschuldet. Die Vertreter des KV-Systems hatten es in der Vergangenheit entweder nicht versucht oder nicht geschafft, Politikern und Kassen den trivialen Zusammenhang zwischen Ärztemangel und Preisen für ärztliche Leistungen zu erklären. Solange der oberste Vertreter der Kassenärzte noch in 2010 das Honorarmärchen von 164.000 Euro als Einnahmen vor Steuern in Umlauf bringt, während zugleich sehr viele Ärzte nicht einmal Umsätze aus vertragsärztlicher Tätigkeit in dieser Höhe erzielen, ist sogar zu hinterfragen, ob die KVen selbst überhaupt wissen, was Sache ist.

Betrachtet man die verzweifelten Bemühungen des KV-Systems, die eigene Existenz mit überaus fragwürdigen Aktionen zu sichern (z. B. die Ambulanten Kodierrichtlinien, Arzneimittelregresse, Heilmittelregresse, kleinräumige Bedarfsplanung, asymmetrische Honorarverteilung, Honorarkürzungen, Qualitätsmanagementsysteme, oder Begrenzung von Behandlung = Rationierung) oder sieht man sich gar Aktivitäten wie die Gründung von Patiomed AG an, wo finanzielle Mittel aus den Taschen vieler Vertragsärzte in die Taschen einiger weniger umgeleitet werden können, so hat das schon stark den Touch vom Verlassen des sinkenden Schiffs.

Auch wenn derzeit niemand mit Gewissheit sagen kann, wie die ambulante ärztliche Versorgung der Zukunft aussehen wird. Eines scheint sicher zu sein. Das KV-System wird nie wieder die Rolle spielen, die es in den letzten 50 Jahren gespielt hat.

Daher: Good bye KV.

www.brain2doc.de im November 2010