Sehr geehrter Herr Weigeldt,
sehr geehrte Damen und Herren Landesvorsitzende des Hausärzteverbandes,
ein Hausarzt in Deutschland wird für die Behandlung von Kassenpatienten derzeit nicht angemessen bezahlt. Das kann jeder Hausarzt aus eigener Erfahrung bestätigen. Die veröffentlichte Meinung geht hingegen davon aus, dass alle Ärzte, also auch die Hausärzte, zu den Spitzenverdienern gehören. Mehr als zehn Prozent höhere Honorare für die Ärzte und Durchschnittseinkommen von 164.000 Euro, das liest man in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Sept. 2010 (Quelle)
Während der HÄV am gleichen Tag mit Praxisschließungen auf die desolate wirtschaftliche Situation der Hausärzte aufmerksam machen will, zeichnen die veröffentlichten Daten ein konträres Bild. Ärzte verdienen sehr gut.
Wenn zwei unvereinbare Aussagen im Raum stehen, ist man geneigt, den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu überprüfen. Die Veröffentlichungen der KBV sowie eine unveröffentlichte Auswertung des Spitzenverbandes der GKV bestätigen, dass Ärzte im Durchschnitt gut verdienen.
Dass Hausärzte nicht angemessen bezahlt werden, dafür lassen sich hingegen keinerlei Belege finden. Der HÄV hat weder auf seiner Homepage noch in Pressemitteilungen oder sonstigen Veröffentlichungen auch nur den Versuch unternommen, die desolate Situation der Hausärzte mittels geeignetem Zahlenmaterial zu belegen.
Aus dem fehlenden Datenmaterial beim HÄV kann nur ein Schluss gezogen
werden: Die Hausärzte klagen zwar, aber auf einem so hohen Niveau, dass sie wohl besser geschwiegen hätten. Während alle anderen den Gürtel enger schnallen müssen, kriegen die Hausärzte den Kanal nicht voll. Und dann beschweren sie sich auch noch.
Politikern und Kassen muss man bescheinigen, dass sie ihren Job sehr gut gemacht haben. Die Performance des HÄV, der offensichtlich nicht einmal erkannt hat, welche Hausaufgaben vor dem Aufruf zu Praxisschließungen zu erledigen sind, ist dagegen stark verbesserungsfähig. Selbst wenn ein Journalist oder ein Politiker die individuelle Situation eines Hausarztes anhand dessen Bilanz nachvollziehen kann, er kann dies mangels Daten nicht auf eine Gruppe von Hausärzten übertragen.
Ich wünsche dem HÄV, dass er vor weiteren Aktionen geeignete Unterlagen bereitgestellt haben wird, die an der völlig unzureichenden Honorierung der Hausärzte keine Zweifel mehr aufkommen lassen. Jeder nicht gut vorbereitete Aufruf der Hausärzteschaft zu Protestaktionen ist kontraproduktiv. Ein Hausarzt, der einmal voller Überzeugung für höhere Honorare auf die Straße gegangen ist und dann mangels flankierender Unterstützung durch den HÄV von der Presse und den Politikern diskreditiert wird, wird es sich beim nächsten Mal sehr gut überlegen, ob er sich das noch einmal antut.
Dieser Brief wird auf der Homepage von www.brain2doc.de veröffentlicht.
Selbstverständlich werden auch Antworten ungekürzt an gleicher Stelle eingestellt werden.
Mit freundlichen Grüßen
Franz-Josef Müller, Volkswirt