Ob man sich der Frage, welchen Eindruck die Strategie des HÄV in Sachen Selektivvertrag macht, aus dem Blickwinkel der Spieltheorie oder mit normalen Menschenverstand nähert, macht in der Sache keinen Unterschied. Die komprimierte Antwort: Murks. Nach der Absage der Vollversammlung der Hausärzte in Bayern hat der HÄV in Köln verlauten lassen, dass er etwas tun will. (Hausärzte antworten auf Kampfansage Quelle)

Und vor ein paar Tagen hat der HÄV angekündigt, dass man alles Mögliche zur Durchsetzung der eigenen Honorarforderung unternehmen will. Interesse an konstruktiven Gesprächen, eskalierendes Programm von Maßnahmen, informieren, regionale Nadelstiche setzen und als allerletztes Mittel wird man sogar - unter Umständen - vielleicht - wenn es sich denn überhaupt gar nicht mehr vermeiden lässt - anfangen, über Praxisschließungen nachzudenken. Im Klartext: Egal was Politik und Kassen auch machen, wir werden uns nicht unter Einsatz aller uns zur Verfügung stehenden Mittel dagegen wehren.

So sieht Appeasement aus, „eine Politik der Zugeständnisse, der Zurückhaltung, der Beschwichtigung und des Entgegenkommens gegenüber Aggressionen zur Vermeidung von Konflikten“.

Nachdem der HÄV so eindeutig kommunizierte, dass er auf keinen Fall seine Marktmacht zur Durchsetzung seiner honorarpolitischen Ziele einsetzen wird, reihen sich die Reaktionen von Kassen und Politikern wie an einer Perlenschnur aneinander. Die bayerische Staatsregierung will die Hausärzte vor weiteren Verlusten schützen – aber nicht mehr Geld für die Hausärzte versprechen. Die Landesregierung in Baden-Württemberg fordert eine „gerechtere“ Verteilung der begrenzten Mittel und richtet diese Forderung an die KBV. Höhere Honorare erhalten die Hausärzte in Baden-Württemberg dadurch nicht.

Und jeder Funktionär, der sich mit der Zusage einer „gerechteren Vergütung“ abspeisen lässt, ist einfach nur unfähig. Denn mit einer elften Änderung der Honorarverteilung wird man kaum höhere Gerechtigkeit herstellen können als mit den vorangegangenen zehn oder einer künftigen zwölften. Gerecht verteilt ist das Honorar, aber es ist nicht angemessen da völlig unzureichend.

Auf Grund der Appeasement-Politik des HÄV ist das Interesse der AOK in Nordrhein geschwunden, mit dem HÄV aus freien Stücken einen Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung zu schließen. Denn ein Angebot von 50 bis 55 Euro ist nichts anderes als eine deutliche, wenn auch höfliche, Absage an den HÄV.

Wie die Hausärzte in Nordrhein auf das Vorgehen der AOK reagieren werden, bleibt abzuwarten. Man muss kein Prophet sein, um die weitere Entwicklung vorher zu sagen. Setzt der HÄV, und damit die Hausärzte, in Nordrhein weiterhin auf Appeasement, dann stellt eine Unterstützung des HÄV eine glatte Ressourcenverschendung dar. Es bleibt wie es ist, KV und HÄV wetteifern darum, die Ärzte unter der Knute zu halten.

Kommt der Hausärzteverband (HÄV) hingegen zu dem Schluss, dass er seine Marktmacht zur Durchsetzung seiner Interessen einsetzen will und sind die Hausärzte bereit, den HÄV zu unterstützen, dann wird die AOK binnen kürzester Zeit ein sehr viel besseres Angebot vorlegen (müssen). Aus der Ferne betrachtet gibt es für die Hausärzte zumindest zwei Möglichkeiten, ihre Marktmacht zu demonstrieren und zur Erreichung ihrer Ziele einzusetzen.

1. Ab sofort keinen einzigen Patienten der AOK in ein DMP einschreiben und eingeschriebene Patienten zum Ausstieg ermuntern. Alle ICD-Diagnosen von chronisch Kranken nur noch mit dem Zusatz „V. a.“ versehen.

2. Praxisschließungen. Ausgehend von einer relativ kleinen Fläche, mindestens ein Kreis und bevorzugt in einer ländlichen Region, und dann eskalierend pro Tag weitere Kreise hinzunehmend. Den ärztlichen Notdienst wie an Wochenenden sicherstellen und dafür genau die Hausärzte bestimmen, die sich an den Praxisschließungen sowieso nicht beteiligen wollen bzw. werden.

Maßnahme 1 bewirkt, dass die AOK bei der bekannten, höheren Morbidität ihrer Versicherten deutlich weniger Honorar aus dem Gesundheitsfond erhält, als sie zur Bedienung ihrer Zahlungsverpflichtungen benötigt. Ob es ein Quartal dauert oder vier Quartale, bis die AOK insolvent wird, lässt sich nicht quantifizieren. Sollten jedoch die Hausärzte bei den DMP und der ICD-Kodierung ausschließlich bei AOK-Patienten auf die Vollbremse treten, ist der Untergang der AOK in Nordrhein unausweichlich.

Maßnahme 2 würde nicht nur auf die AOK Auswirkung haben sondern auf alle Kassen. Damit würden die Hausärzte genau das machen, was Ökonomen einerseits erwarten und andererseits befürchten: Die Monopolstellung der Hausärzte zur Durchsetzung ihrer Ziele einzusetzen.

Dass die Maßnahme 2 angewendet wird, ist nicht zu erwarten. Denn selbst die heute schon völlig indiskutable Honorarhöhe der Hausärzte, und die Überzahlungen aus 2009 werden zu weiteren Honorarrückgängen führen, reichte bisher offenkundig nicht aus, um den HÄV zu einer Demonstration seiner vorhandenen Marktmacht zu veranlassen. Lieber lässt man Hausärzte defizitär arbeiten, statt die Marktmacht im Interesse der Mitglieder einzusetzen. So etwas nennt man landläufig Versagen.

Appeasement eben.

Die derzeitige desolate Lage der Hausärzte ist übrigens nicht das Resultat einer Verkettung von unvorhersehbaren Umständen. Ganz im Gegenteil. Sie ist die logische Konsequenz einer jahrelang völlig verfehlten Politik der Ärzteverbände, allen voran des Hausärzteverbandes.


www.brain2doc.de am 28. Juli 2010